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16 Jan

Frank Lutz (Germany)
Hohenloher Zeitung, 20.06.2014

Märchenhafte Städte, offene Grenzen

Hanna Sakalova wirkt nicht, als müsse sie einen Kulturschock verarbeiten: Nur zu gerne berichtet die junge Weißrussin, was sie und ihre Landsfrau Volha Khviadchenia (26) während ihres in diesem Monat zu Ende gehenden Freiwilligendienstes beim Evangelischen Jugendwerk (EJW) Öhringen so alles erlebt haben. Doch als die 23-jährige Sakalova aus dem weißrussischen Brest im vergangenen Juli in Öhringen ankam, fühlte sie sich zunächst wie in eine andere Welt versetzt.

„Wir waren vorher noch nie so lange im Ausland und überhaupt noch nie in Deutschland“, berichtet die zierliche Frau mit den braunen Haaren. Einige Mentalitätsunterschiede fielen ihr gleich auf: „In Deutschland wird alles geplant, bei uns geht es spontaner zu. Am Anfang haben wir nicht verstanden, wie man ein Jahr im Voraus planen kann, aber jetzt ist es normal für uns.“

Da die beiden ein Zeltlager und eine Skifreizeit begleiteten sowie wöchentlich den Kinderklub Tscheburaschka für russland-deutsche Kinder betreuen, bekamen sie auch einen Einblick in die sehr unterschiedlichen Erziehungsmethoden. „In Weißrussland müssen die Kinder auf einem Sommercamp das Geschirr nicht selbst spülen. In Deutschland sind sie selbstständiger“, nennt Sakalova ein Beispiel.

Erfahrungen Durch die Unterstützung von anderen Freiwilligen und von Jugendreferent Daniel Febel gewöhnten sich die beiden Weißrussinnen bald ein. Sie erfreuten sich an der Fachwerkarchitektur der Hohenloher Dörfer und Städte, die Sakalova als märchenhaft empfand. Sie reisten oft in andere europäische Länder, ohne an den Grenzen kontrolliert zu werden – eine für sie ganz neue Erfahrung. Und sie begegneten Jugendlichen aus verschiedenen Teilen der Welt, lernten ihre Mentalitäten und Sichtweisen kennen und bauten sich einen internationalen Freundeskreis auf. Heute sagt Sakalova: „Wenn ich den Freiwilligendienst schon früher gemacht hätte, wäre mein Leben anders verlaufen.“

 Denn vor ihrem Auslandsjahr hatten die beiden jungen Frauen einen eher konventionellen Lebensweg eingeschlagen: Sie studierten Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Universität von Brest und schlossen ihr Studium im vergangenen Jahr ab. Nebenbei arbeitete Khviadchenia als Verkaufsmanagerin einer Süßwarenfirma, Sakalova als Buchhalterin und Managerin im Autoservice. Wären sie in Weißrussland geblieben, hätten ihre Eltern erwartet, dass sie bald heiraten und eine Familie gründen.

 Heute hingegen brennen die beiden darauf, noch länger im Ausland zu bleiben. Entsprechende Bewerbungen an verschiedene Organisationen haben sie verschickt, doch bisher noch keine Zusage bekommen. Ein Zustand, der sie beunruhigt: „Gerade erst haben wir gelernt, alles zu planen, und jetzt haben wir nicht mal einen Plan für den nächsten Monat“, sagt Sakalova. Eines zumindest sei sicher: „Heiraten wollen wir noch nicht.“ Sie lacht herzlich.

 In einem sind sich Sakalova und Khviadchenia einig: Sie haben ihre Zeit in Öhringen sehr genossen und gelernt, wie viel man erreichen kann, wenn man versucht, seine Träume zu verwirklichen. Nur eine Sache hat sie manchmal geärgert: Die Leute wüssten oft nur wenig über Weißrussland und würden es mit dem großen Nachbarn Russland verwechseln. Dabei sei das Weißrussische eine sehr schöne Sprache, die sich deutlich vom Russischen unterscheide.

 Väterchen Frost Und auch sonst habe das Land viel zu bieten: nette, unaufdringliche und tolerante Menschen, eine weitgehend intakte Natur und nicht zuletzt auch die Residenz von Väterchen Frost. Das osteuropäische Pendant zum Weihnachtsmann soll nämlich nicht weit von Brest mitten im Belaweschskaja-Urwald leben. Zum Beweis präsentiert Sakalova auch gleich ein Foto. Darauf zu sehen: der Geschenkeüberbringer mit dem langen weißen Bart, wie er vor einem prachtvollen Holzhaus inmitten eines tiefen Waldes steht.

Nachfolger gesucht

Wer den Kinderklub Tscheburaschka als Nachfolger von Hanna Sakalova und Volha Khviadchenia ehrenamtlich betreuen möchte, kann mit dem EJW unter Telefon 0794198311 oder E-Mail 5239506@mail.ru, jasmine_s@gmx.de oder piero.pasquali1879@gmail.com Kontakt aufnehmen. Der Klub trifft sich freitags von 15 bis 16.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus Arche auf der Büttelbronner Höhe. Voraussetzungen sind fließende Russisch-Kenntnisse und Spaß am Umgang mit Kindern. Benannt ist der Klub nach der in der ehemaligen Sowjetunion sehr populären Buch- und Zeichentrickfigur Tscheburaschka, einem Phantasie-Tier mit übergroßen Ohren, freundlichem Gesicht und braunem Fell. Erfunden wurde die Figur vom russischen Kinderbuchautor Eduard Uspenski. flu

 

 

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